Acht Jahre Heide-Trail – eine persönliche Danksagung
Heute ist der Heide-Trail acht Jahre alt geworden.
Eigentlich wäre das der richtige Moment, um auf all das zurückzublicken, was wir aufgebaut haben: den Trail, die Unterstände, den Reitplatz, die Wanderreitstation, das Pferdezentrum und vieles mehr. Doch je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr wurde mir klar, dass all das nur die sichtbare Seite unserer Geschichte ist.
Der Heide-Trail besteht nicht aus Holz, Zäunen oder Gebäuden. Er besteht aus Erfahrungen, aus Begegnungen, aus Rückschlägen, aus Menschen und vor allem aus Pferden.
Deshalb möchte ich diesen Geburtstag nutzen, um einfach einmal Danke zu sagen. Vor allem einem ganz besonderen Pferd.
Danke, Sammy. Denn ohne dich gäbe es den Heide-Trail wahrscheinlich gar nicht.
Wie alles mit Sammy begann
Als Sammy in unser Leben kam, war sie unser erstes eigenes Pferd. Natürlich wollten wir alles richtig machen. Plötzlich war da nicht mehr nur die Freude am Reiten, sondern eine Verantwortung für ein Lebewesen, und mit dieser Verantwortung kam bei mir etwas, das mich bis heute begleitet: Ich wollte verstehen und dieser Verantwortung gerecht werden. Deshalb bildete ich mich weiter. Ich las Bücher, besuchte Seminare, absolvierte Fortbildungen, sprach mit Tierärzten und hinterfragte vieles, was ich bis dahin einfach als selbstverständlich angesehen hatte. Je tiefer ich in die Materie eintauchte, desto deutlicher wurde mir, wie wenig ich eigentlich wusste und gleichzeitig, wie unglaublich spannend diese Welt ist.
Bis heute hat sich daran nichts geändert. Ich besuche noch immer Fortbildungen, buche Webinare, lese Fachliteratur und stelle Fragen, nicht nur rund um Pferde, sondern auch zu Themen wie Coaching, Kommunikation oder Unternehmensführung.
Schon immer wollte ich verstehen, warum Dinge funktionieren oder eben nicht funktionieren. Ich gebe mich nur selten mit der ersten Antwort zufrieden. Mich interessieren die Zusammenhänge dahinter. Mit Sammy bekam diese Neugier plötzlich eine Richtung. Aus dem Wunsch, meinem eigenen Pferd gerecht zu werden, wurde eine Reise, auf der ich immer tiefer eintauchte. Mit jeder beantworteten Frage entstanden zwei neue. Irgendwann ging es längst nicht mehr nur um Koliken oder Fütterung, sondern um das große Ganze. Damals begann diese Reise allerdings mit einem ganz konkreten Problem. Sammy litt immer wieder unter Aufgasungskoliken. Gemeinsam mit unserer Tierärztin versuchten wir herauszufinden, woran das lag. Wir stellten die Fütterung um, verzichteten auf Getreide, weil vieles auf eine Getreideunverträglichkeit hindeutete, bauten mühsam das Darmmikrobiom wieder auf und suchten nach Lösungen. Das war nicht immer einfach, denn vieles ließ sich in einer klassischen Boxenhaltung nur schwer umsetzen. Statt Stroheinstreu versuchten wir Leinstroh, statt Hafer passten wir das Kraftfutter individuell an und jede Veränderung bedeutete Diskussionen, zusätzlichen Aufwand und oft auch Unverständnis der Stallbetreiber.
Damals habe ich zum ersten Mal gespürt, wie schwierig es sein kann, wenn das Haltungssystem nicht zu den Bedürfnissen eines Pferdes passt, wenn man das Beste für sein Pferd will und ständig an Grenzen stößt.
Der Wendepunkt
Rückblickend war das nicht der Wendepunkt. Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Über Monate hatten wir versucht, innerhalb eines Haltungssystems Lösungen für Sammy zu finden. Wir hatten die Einstreu gewechselt, das Futter angepasst, gemeinsam mit unserer Tierärztin ihr Darmmikrobiom aufgebaut und jede kleine Verbesserung gefeiert. Als dann im Mai das Heu aufgebraucht war und die Pferde ohne Anweidephase morgens uns abends frisches Grünfutter bekamen, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass all unsere Bemühungen innerhalb weniger Tage zunichtegemacht werden könnten.
Denn längst hatte sich in mir das Gefühl breitgemacht, ständig gegen ein System anzukämpfen, das sich nicht an die Bedürfnisse eines einzelnen Pferdes anpassen ließ. An diesem Tag wurde mir klar: Ich wollte nicht länger Symptome verwalten. Ich wollte die Bedingungen verändern.
An diesem Tag trafen wir eine Entscheidung, nicht gegen einen Stall, sondern für unser Pferd. Wir suchten von heute auf morgen eine neue Lösung, ohne zu ahnen, dass diese Entscheidung unser ganzes Leben verändern würde.
Die Suche nach einem Ort, den es nicht gab
Eigentlich wollten wir nur einen Ort finden, an dem unser eigenes Pferd so leben konnte, wie wir es uns wünschten und wo sie wieder gesund werden konnte. Doch je länger wir suchten, desto klarer wurde uns, dass es diesen Ort für uns nicht gab.
Also entstand ein verrückter Gedanke: Dann bauen wir ihn eben selbst.
Wir kauften ein Haus, das wohl die wenigsten als Traumhaus bezeichnet hätten, einen alten DDR-Bau, von außen alles andere als schön, innen voller Gerümpel und Müll. Ehrlich gesagt war ich beim ersten Besichtigungstermin ziemlich geschockt.
Und trotzdem standen wir irgendwann oben im Dachgeschoss, schauten über die Wiesen bis zum Wald und wussten plötzlich: Hier könnte etwas entstehen. Nicht sofort und nicht perfekt, aber mit viel Arbeit, Fantasie und Herzblut.
Aus diesem Haus wurde nach und nach unser Zuhause, aus einer Idee wurde der Heide-Trail, und aus einem Stall wurde etwas, das für uns weit über den reinen Zweck eines Stalls hinausgewachsen ist.
Was auf dem Trail entsteht, wenn man genau hinschaut
Was mich bis heute am meisten fasziniert, sind nicht Gebäude oder Investitionen, sondern die Pferde selbst. Früher habe ich Pferde mit ganz anderen Augen betrachtet. Wenn ich zum Stall kam, standen das Reiten, die Versorgung und mein eigenes Pferd im Mittelpunkt. Das ist natürlich vereinfacht dargestellt, aber letztlich drehte sich mein Blick fast ausschließlich um Sammy. Was die Pferde untereinander machten, wie sie ihre Zeit auf der Weide verbrachten oder welche Beziehungen sie zueinander pflegten, spielte für mich damals kaum eine Rolle.
Heute sehe ich Pferde mit völlig anderen Augen. Ich könnte stundenlang einfach auf der Bank sitzen und ihnen zusehen: Wer heute mit wem unterwegs ist, wer sich gegenseitig krault, wer gemeinsam zum Heu läuft, wer wen zum Spielen auffordert oder dieses leise Blubbern, wenn sie mich sehen und wissen, dass es gleich auf die Weide geht.
Diese kleinen Momente berühren mich nicht nur, sie lehren mich bis heute genauer hinzuschauen. Mich interessiert dabei nicht nur, was Pferde tun, sondern vor allem, warum sie es tun. Ich möchte Zusammenhänge verstehen. Wie entstehen Freundschaften? Warum übernimmt ein Pferd plötzlich Verantwortung? Weshalb wirkt eine Herde an manchen Tagen unruhig und an anderen völlig gelassen? Je mehr ich beobachte, desto deutlicher wird mir, dass gute Pferdehaltung nicht aus einzelnen Maßnahmen besteht, sondern aus vielen kleinen Faktoren, die ineinandergreifen.
Über die Jahre habe ich gelernt, auf Dinge zu achten, die man in einer klassischen Box kaum beobachten kann: welche Pferde Verantwortung übernehmen, welche Freundschaften entstehen, wie sich neue Pferde in eine bestehende Herde integrieren, wie Konflikte entstehen und sich wieder auflösen und wie viel Gelassenheit eine Herde ausstrahlt, wenn ihre Bedürfnisse erfüllt sind.
Viele dieser Beobachtungen sind in die Weiterentwicklung des Heide-Trails eingeflossen, oft in kleinen Schritten, die für Besucher kaum sichtbar sind, für die Pferde aber einen großen Unterschied machen. Genau das entspricht auch meiner Art zu arbeiten: beobachten, verstehen und dann überlegen, welche kleine Veränderung das gesamte System ein Stück besser macht.
Witas
Ein Pferd hat mich dabei ganz besonders geprägt: Witas.
Er kam im Juli 2019 zu uns, ein neunzehnjähriger Hannoveraner, den seine Besitzerin Katharina begleitet hatte. Zuvor kannte er ausschließlich Boxenhaltung mit stundenweisem Einzelauslauf, getrennt von den anderen Pferden, weil er sehr futterneidisch und dominant war. Menschen gegenüber trat er oft drohend auf, und wir gaben ihm zu Beginn den Spitznamen „Pferd ohne Ohren“, weil man sich ihm kaum ohne Drohgebärde nähern konnte.
Doch das war eben nur der Anfang. In der Herde, mit Bewegung, Sozialkontakten und der Möglichkeit, einfach Pferd zu sein, veränderte sich Witas Schritt für Schritt. Der mürrische Blick verschwand, aus dem Einzelgänger wurde ein ausgeglichenes Herdenmitglied, das die Heuraufe über alles liebte und neugierig am Leben der Gruppe und der Menschen um ihn herum teilnahm.
Witas hat mir eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens beigebracht: Manchmal müssen wir nicht das Pferd verändern, sondern die Bedingungen, unter denen es lebt.
Im Oktober 2020, gut ein Jahr nachdem er zu uns gezogen war, mussten wir Witas gehen lassen, weil keine Hilfe mehr möglich war. Dieser Abschied gehört genauso zu unserer Geschichte wie all die Fortschritte, die er vorher gemacht hat, und er hat mir gezeigt, dass Dankbarkeit und Trauer manchmal näher beieinanderliegen, als man denkt.
Vom Stall zum Pferdezentrum
Irgendwann wurde mir klar, dass gute Haltung allein nicht ausreicht. Wenn wir Menschen die Zusammenhänge nicht verstehen, verschenken wir unglaublich viel Potenzial. Deshalb wollte ich Wissen in unsere Region holen. Ich wollte, dass Pferdehalter nicht mehr stundenlang quer durch Deutschland fahren müssen, um gute Kurse besuchen zu können, und ich wollte einen Ort schaffen, an dem nicht nur Pferde wachsen dürfen, sondern auch ihre Menschen.
Was acht Jahre wirklich bedeuten
Wenn ich heute auf die vergangenen acht Jahre zurückblicke, dann sehe ich nicht nur Erfolge. Ich sehe auch Rückschläge, Sorgen und schlaflose Nächte, Entscheidungen, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt haben, und Menschen, die mich enttäuscht haben. Aber ich sehe ebenso, wie sehr mich genau diese Erfahrungen verändert haben.
Ein Unternehmen aufzubauen bedeutet nicht nur, Gebäude zu errichten oder wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen. Es bedeutet vor allem Persönlichkeitsentwicklung: hinzufallen, aufzustehen und weiterzugehen, sich immer wieder zu fragen, warum etwas nicht funktioniert hat, anstatt jemanden dafür verantwortlich zu machen, und Schritt für Schritt vom Reagieren ins Agieren zu kommen.
Heute weiß ich, dass jeder Mensch, der unseren Weg gekreuzt hat, etwas dazu beigetragen hat. Manche haben uns den Rücken gestärkt, andere haben uns herausgefordert, und beides war auf seine Weise wichtig, denn jedes Gespräch, jede Schwierigkeit und jede Begegnung haben mein Verständnis von Pferden, Menschen und Unternehmertum erweitert.
Dankbarkeit
Wenn ich heute morgens am Frühstückstisch sitze und aus dem Fenster auf unsere Pferde schaue, wenn ich sehe, wie sie miteinander spielen, sich kraulen, fressen, schlafen oder einfach nur gemeinsam in der Sonne stehen, dann empfinde ich vor allem eines: Dankbarkeit.
Dankbarkeit dafür, dass aus der Sorge um ein einziges Pferd ein Ort entstanden ist, an dem heute viele Pferde einfach Pferd sein dürfen, und an dem ihre Menschen wieder durchatmen können.
Danke an alle, die diesen Weg mit uns gegangen sind. Danke an unsere Familie, die uns gerade am Anfang unglaublich unterstützt hat. Danke an jeden Einsteller, jedes Pferd und jeden Menschen, der ein Teil dieser Geschichte geworden ist.
Und ganz besonders: Danke, Sammy. Du hast unser Leben verändert, und wahrscheinlich das vieler anderer Pferde gleich mit.


