Ein Anfang, der bleibt
Es gibt Momente, die bleiben für immer im Gedächtnis. Nicht, weil sie laut sind, sondern weil sie sich still richtig anfühlen.
Wir durften unsere beiden Fohlen von der ersten Minute an begleiten. Beide Stuten haben kurz vor Mitternacht entbunden und weil wir sie engmaschig beobachtet haben, waren wir bei beiden Geburten dabei.
Diese ersten Augenblicke, wenn ein Fohlen aufsteht, noch wackelig, noch unsicher und gleichzeitig so klar in seinem Sein, lassen sich kaum beschreiben. Es ist ein sehr stiller Moment und gleichzeitig der Anfang von etwas, das sich über Monate und Jahre entwickelt.
Und vielleicht beginnt genau dort auch ein anderer Blick auf Aufzucht. Nicht als etwas, das wir steuern, sondern als etwas, das wir begleiten.
Aufwachsen in der Herde
Ende Februar haben wir die tragenden Stuten separiert. Raya brachte ihr Fohlen Anfang April zur Welt und Sammy folgte Anfang Mai. Was danach kam, war keine Aufzucht im klassischen Sinne. Es war ein Mitlaufen, ein Beobachten und manchmal auch ein bewusstes Nicht-Eingreifen. Unsere Entscheidung, die Fohlen nicht in eine klassische Aufzucht zu geben, haben wir lange diskutiert, auch mit unserer Tierärztin.
Mitte Mai würde es dann ernst für uns alle. Interessant war das Verhalten der Herde von Anfang an. Es gab permanent Zaungäste, die sich das Spektakel anschauten und so kamen die Stuten samt Nachwuchs wieder in ihre angestammte Herde. Was dann passierte, haben wir so nicht erwartet.
Die Herde hat Aufgaben übernommen, die wir Menschen oft versuchen zu kontrollieren.
Die beiden ranghohen Wallache schlossen sich jeweils einer Stute mit Fohlen an und bewegten sich in ihrer Nähe, fast wie ein ruhiger Rahmen innerhalb der Herde.
Es gab eine Stute, die sich immer wieder zu den Fohlen gestellt hat. Sie hat mit ihnen geruht, wenn sie lagen, war präsent und aufmerksam, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Fast wie eine stille Begleiterin.
Die Wallache waren Spielpartner. Sie haben Bewegung reingebracht, haben Interaktion ermöglicht und waren ein wichtiger Teil im sozialen Gefüge.
Und die Mütter konnten sich auf das konzentrieren, was ihre eigentliche Aufgabe ist. Fressen, Milch geben, für ihre Fohlen da sein. Ohne diesen permanenten Druck, alles allein regeln zu müssen.
Es wirkte, als würde sich Verantwortung in der Herde verteilen.
Kleine Momente, die viel erzählen
Ein Moment ist mir besonders in Erinnerung geblieben.
Ich war auf dem Trail beschäftigt, als eines der Fohlen mir folgte, weg von Heuraufe und Herde. Neugierig, offen und ganz selbstverständlich. Im Hintergrund tauchte der Leitwallach auf. Ohne Hektik, ohne Druck, einfach präsent.Das Fohlen reagierte sofort. Es senkte den Kopf, begann zu kauen und ging zurück zur Herde.
Solche Situationen sind unscheinbar. Und gleichzeitig zeigen sie sehr deutlich, wie Orientierung in einer funktionierenden Herde entsteht.
Wenn Entwicklung nicht planbar ist
Auch das Thema Absetzen hat uns natürlich in dieser Zeit begleitet.
Wir haben die Stuten im folgenden Frühjahr aus der Gruppe genommen und die Fohlen in der Herde gelassen. Und auch hier war schnell klar, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt.
Ein Fohlen hat sich relativ schnell gelöst. Ein anderes hat deutlich länger gebraucht und wollte sich vom Euter nicht so leicht trennen, so dass es mehrerer Anläufe bedurfte.
Und genau das hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie unterschiedlich Entwicklung verlaufen kann.
In einer natürlichen Herde passiert dieser Prozess nicht nach einem festen Zeitpunkt. Er entsteht. Die Stute wird wieder tragend, das Fohlen wird eigenständiger und die Bindung verändert sich.
Manchmal ganz leise und manchmal deutlicher.
Zwischen Struktur und Realität
Natürlich ist uns bewusst, dass Pferdehaltung und auch Zucht immer mit wirtschaftlichen Überlegungen verbunden sind.
Es geht um Platz, um Zeit, um Organisation und auch um Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Und trotzdem bleibt da ein Spannungsfeld, zwischen dem, was machbar ist und dem, was möglich wäre.
Gerade wenn es um Lebewesen geht, die uns anvertraut sind, lohnt es sich vielleicht, genauer hinzuschauen.
Eine Frage, die bleibt
Ich habe aus dieser Zeit keine fertigen Antworten mitgenommen,aber viele Fragen.
Muss Wirtschaftlichkeit immer an erster Stelle stehen, wenn es um die Entwicklung von Tieren geht?
Gibt es Momente, in denen wir bewusst anders gewichten dürfen?
Und vielleicht geht es dabei weniger um Idealismus als vielmehr um Verantwortung.
Mein persönliches Fazit
Diese Zeit mit den Fohlen war für mich nicht nur ein Erlebnis, das bleibt sondern auch eine Einladung, genauer hinzuschauen und die Dinge nicht vorschnell einzuordnen oder zu bewerten, sondern bewusst zu beobachten und aus diesen Beobachtungen zu lernen.
Dabei ist mir noch einmal klar geworden, dass wir nicht alles grundsätzlich anders machen müssen, dass wir uns aber durchaus erlauben dürfen, gewohnte Abläufe zu hinterfragen und nicht mehr alles automatisch so zu handhaben, wie es allgemein üblich ist.
Vielleicht beginnt genau dort Veränderung, in diesen leisen Momenten, die bleiben und uns dazu anregen, genauer hinzusehen und neue Gedanken zuzulassen.
Genau solche Fragen begleiten mich auch in meiner Arbeit rund um Pferdehaltung und Hofkonzepte.


